Materie in allen Varianten erforschen

Ein großer Erfolg für die Berliner Wissenschaft: Insgesamt sieben Exzellenzcluster an Berliner Einrichtungen wurden in der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder bewilligt und werden ab Januar 2019 sieben Jahre lang gefördert. An ihnen arbeiten Wissenschaftler_innen an ausgewählten Forschungsvorhaben. Eines der bewilligten Projekte ist der ClusterMatters of Activity: Image Space Material“, an dem die HTW Berlin beteiligt ist. Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Jürgen Sieck vom Studiengang Angewandte Informatik nimmt als einer von 25 Principal Investigators eine wichtige Rolle in dem Exzellenzcluster ein. Der Informatiker Prof. Dr. Johann Habakuk Israel wird zudem als Key Researcher mitarbeiten. Wir haben mit Jürgen Sieck über das Forschungsvorhaben gesprochen.

Herzlichen Glückwunsch zur bewilligten Förderung, Herr Sieck. Wie war der Moment, als die Nachricht verkündet wurde?
Jürgen Sieck: Es gab eine große Pressekonferenz mit Live-Videoübertragung, die alle am Cluster Beteiligten zusammen verfolgt haben. Viele von uns haben schon eine Menge Drittmittel-Anträge gestellt und man fiebert immer etwas mit, aber ein Exzellenzcluster ist etwas Besonderes und wir waren alle aufgeregt. Wir haben alle sehr viel Zeit in diesen Antrag gesteckt. Als dann klar war, dass wir gefördert werden, haben wir erstmal eine Sektflasche geöffnet und angestoßen.


Wer ist an dem Cluster alles beteiligt?
Antragstellende Hochschule ist die Humboldt-Universität zu Berlin, der auch der Sprecher Prof. Dr. Wolfgang Schäffner angehört. Die weiteren Forscher_innen kommen aus der Naturwissenschaft, Materialwissenschaft, Physik, Informatik, Medizin, Literaturwissenschaft, Ethnologie und Gestaltung. Diese Interdisziplinarität ist das Alleinstellungsmerkmal des Clusters. Ich bin seit 2013 an dem Vorgänger-Cluster „Bild Wissen Gestaltung“ beteiligt und war darin seit 2015 ebenfalls Principal Investigator.


Was wird im Cluster „Matters of Activity“ erforscht?
Wir erforschen Materialien und deren Aktivitäten aus ganz verschiedenen Perspektiven. Welche Eigenschaften hat ein bestimmtes Material? Was kann man damit machen? Wie lässt sich ein analoges Material mit etwas Digitalem verbinden oder vielleicht als Speicher nutzen?

Ein konkretes Beispiel für einige unserer Forschungsfragen: Auf Borneo gibt es Ureinwohner_innen, die Zeichen hinterlassen, mit denen sie die Aktualität einer Nachricht kommunizieren. Sie hinterlassen beispielsweise einen Stock mit einem Blatt daran, um mitzuteilen, dass sie gerade ein Tier erlegt und Fleisch übrig haben, das sie teilen würden. Wer dieses Zeichen findet, weiß: Je frischer das Blatt, desto aktueller die Nachricht. Die Ureinwohner_innen machen sich also die Materialeigenschaften für die Kommunikation zunutze. Wir untersuchen im Cluster unter anderem, wie man mit Materialien Informationen weitergibt und wie man bestimmte Materialeigenschaften wie diese auch mit Digitalem nachahmen kann. Die Forschung konzentriert sich dabei gleichwertig auf das Digitale und Analoge.  

Was tragen Sie und Ihr Team als Informatiker_innen zu dem Forschungsvorhaben bei?
Wir unterstützen die Teams des Clusters bei allen Informatik-Fragen. Es gibt unter anderem zwei konkrete Vorhaben. Erstens ist eine Ausstellung im Humboldt Forum geplant, wenn dieses eröffnet wird. Diese Ausstellung wollen wir mithilfe von Augmented-Reality-Anwendungen einfach und umfassend erklären. Die Besucher_innen können zum Beispiel ihr Smartphone auf ein bestimmtes Ausstellungsobjekt richten und dann erscheint ein Text, ein Video, eine 3D-Darstellung oder ein anderes multimediales Element dazu. Damit möchten wir erreichen, dass die dort präsentierten Stücke erlebbar werden und man sieht, wie sie funktionieren. Eine Ausstellung lässt sich dadurch auch optimal an die jeweilige Zielgruppe anpassen.

An dem zweiten Projekt arbeitet Johann Habakuk Israel gemeinsam mit Kolleg_innen von der Berliner Charité. Das Team entwickelt Verfahren, um bei Eingriffen das zu operierende Gebiet mit einem Projektionsbild genau zu markieren. Gemeinsam mit den Mediziner_innen wird eine Aufnahme, wie ein CT-Bild, ausgewertet und bei der Operation in Echtzeit analysiert, welches Gewebe bei einem Tumor entfernt werden soll. Während der laufenden Operation wird dann mithilfe eines Projektors der zu entfernende Bereich markiert und muss selbst bei minimalen Bewegungen des Materials angepasst werden. Die Chirurg_innen wissen somit genau, wo sie das Skalpell ansetzen müssen. Erste Ergebnisse der Arbeiten werden wir unter anderem bei der Eröffnung des Humboldt Forums oder auf unserer jährlichen Tagung „Kultur und Informatik“ präsentieren.

Interview: Katrin Albaum